Zukunftswissenschaft

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Über das Zukunftswissenschaft-Blog

Hier finden alle Schnipsel und Gedanken ihren Platz, die sonst keinen haben. Wissenswertes, Neues, Unerwartetes, Ideen, kleine Aufreger - und immer mit Zukunft.

Besonders erfolgreich...

InnovationPosted by K. Christoph Keller 26 Nov, 2010 22:44:00
Die 3. Jahrestagung "Strategisches Technologie- und Innovationsmanagement in produzierenden Unternehmen" fand am 12. und 13 Oktober 2010 mit ca. 50 hochkarätigen Teilnehmern aus den unterschiedlichsten Branchen und einem Produktspektrum von Wehrtechnik bis Weichspüler im Hilton in Düsseldorf statt. Mit einigen Wochen Abstand möchte ich ein Fazit in Stichworten ziehen.

So verschieden die Branchen und Produkte der Konferenzteilnehmer auch sind; so unterschiedlich die vorgestellten Ansätze im Detail; auf einer tieferliegenden Ebene waren sich die Vortragenden weitgehend einig. Ich meine damit die Ebene der Innovationskultur in Unternehmen.

Mein eigener Vortrag am zweiten Tag behandelte das Finden und Bewerten von Innovationen mit Zukunftsforschung. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an die Organisatoren von marcus evans für die Einladung.

Innovationskultur

Die für mich wichtigste Erkenntnis aus der Tagung lautet: An einer innovationsförderlichen Unternehmenskultur muß gearbeitet werden. Sie läßt sich nicht herbeireden oder dekretieren sondern muß glaubwürdig vor=gelebt werden.

Im Einzelnen sind es drei Handlungsschwerpunkte besonders erfolgreicher Unternehmen, die mir aufgefallen sind: Austausch und Kommunikation, Anerkennung und Zeit.

Austausch und Kommunikation fördern (it's about people)
z.B. durch moderierte Wissenscommunities, internen Innovatoren-Plattformen (auch mit anonymer Beteiligung!), Ausstellungen, internen Poster-Präsentationen von (Vor-)Entwicklungsprojekten usw.

Besonders erfolgreiche Unternehmen
kommunizieren Intern und intensiv, warum Innovation wirklich wichtig für das Unternehmen ist, denn auch das Thema Innovation muß "verkauft" werden

Anerkennung geben (und andere Incentives - diese sind jedoch eher nachrangig)
z.B. durch Not-Invented-Here Awards für die beste Übernahme einer Idee von Extern

Besonders erfolgreiche Unternehmen stellen die wahren Innovatoren heraus und prämieren deren Arbeit. Nicht die Chefs oder Marketeers treten mit Innovationen ins Rampenlicht sondern die Mitarbeiter(innen) die diese Innovationen wirklich machen. Die Aufmerksamkeit des Top-Managements wird innovativen Mitarbeitern für das gesamte Unternehmen und oft auch extern sichtbar (demonstrativ) zugewendet.

Zeit geben (und erlauben, daß sie tatsächlich genommen wird) z.B. durch eine "Freitagnachmittag ist Zeit für Innovation" Regelung oder die berühmte 15% Regel bei 3M

Besonders erfolgreiche Unternehmen setzen 100% Mitarbeiter für Start-Up Projekte, Innovations-, Zukunftsthemen und vor allem auch für die Kulturarbeit ein, denn diese Aufgaben fordern den ganzen Menschen.

Das nächste große Ding

Mittelfristig erwarte ich, daß die Schwingung des Pendels von der Sachorientierung im Innovations- und Technologiemanagement (Monitoring-Systeme, Meilensteinprozesse, Methoden, usw.) hin zur Personenorientierung (Kultur, Kommunikation, Innovationsförderliches Verhalten, usw.) weiter fortsetzt.

Diese Schwingung wird von einer Wiederkehr der Sachthemen auf einer höheren Ebene begleitet werden. Vor allem ganzheitliche Herangehensweisen wie das "Design Thinking" und auch eine vertiefte Anwendung der Zukunftswissenschaft haben sich für mich auf dieser Tagung als das nächste große Ding im Innovationsbereich bestätigt.


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Innovationsverhinderungsmanagement

InnovationPosted by K. Christoph Keller 22 Jul, 2010 22:22:45
Ein satirischer Zwischenruf

Ideen stören. Sie sind unbequem. Sie unterbrechen das dringliche Tagesgeschäft. Sie rütteln am Status Quo, sie stellen das Bewährte, Gute und Richtige, das wir tun in ein falsches Licht; fordern frech Veränderung. Unter solchen Randbedingungen erhält ein effektives Innovationsverhinderungsmanagement eine zeitlos hohe Bedeutung.

Wie viel schöner wäre es doch, wenn die Zukunft so aussähe wie die Vergangenheit. Deshalb ist es nur logisch, Ideen abzulehnen, bevor sie zu Innovationen werden können. Glücklicherweise kehrt sich (Achtung: Spielregel!) durch Ablehnung einer Idee die Beweislast um. Der Ideengeber "darf" beweisen, daß die Idee allen Anfeindungen wiederstehen kann (also am besten ein komplettes Konzept für die Realisierung, die Abstimmung mit allen Betroffenen und die Wirtschaftlichkeitsrechnung plus 200 Bestellungen schon in der Tasche haben). Fragen, denen sich Verteidiger des Istzustands erfreulicherweise nicht zu stellen brauchen. (Spielregel!)

Regelmäßig angewandt stellt das bewährte 3-D Innovationsverhinderungsmanagement sicher, daß die kreativen Köpfe (Verzeihung: Spinner) die Abteilung verlassen, vielleicht sogar das Unternehmen, oder ihre schöpferischen Kräfte im Wochenendtöpferkurs der Kreisvolkshochschule abreagieren. Alle diejenigen, die ernsthaft arbeiten wollen haben dann wieder ihre Ruhe und können weitermachen. Ungestört von dem akademisch-theoretischen Gerede über Innovationskultur, Innovationsprozesse, Geschäftsmodelle oder innovatives Verhalten.

Und so wird's gemacht:

3-D Innovationsverhinderungsmanagement:
1. Das haben wir schon immer so gemacht!
2. Das haben wir noch nie so gemacht!
3. Da könnte ja jeder kommen...

Wann vernichten Sie, als Kollege, Vorgesetzter, Kunde oder Lieferant die nächste Idee? Es geht wirklich ganz einfach! Und: Blocken Sie Diskussionen über innovations(un)freundliches Verhalten ab - da (siehe oben) könnte ja jeder kommen...

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Spinat ist gesund!

InnovationPosted by K. Christoph Keller 24 May, 2010 19:40:00

weil er 10 mal mehr Eisen enthält als alle anderen Gemüse. Daher ist es wichtig, daß Kinder regelmäßig Spinat essen. Müssen. - ISS!

Diversifikation ist extrem risikobehaftet und mit hohen Aufwendungen verbunden. Deshalb dürfen rational denkende Manager oder Unternehmer sich nicht auf solche Abenteuer einlassen. Finger weg. STOPP!

Die Produkt-Markt-Matrix von Ansoff hat schon vor vielen Jahren angefangen ein Eigenleben zu führen. Viele Präsentationen z.B. von Unternehmensberatern aber auch von Hochschuldozenten verbreiten: "Schuster, bleib bei Deinen Leisten". Die einfache Botschaft: wer außerhalb seines angestammten Produktportfolios bzw. Märkte innoviert wird Schaden nehmen weil Aufwand und Risiko im vergleich mit inkrementalen Innovationen extrem ansteigen. Im Falle von Diversifikation (neues Produkt auf neuem Markt) stiege der Aufwand um ganze 1600% bzw. das Risiko des Scheiterns auf 95%. Das tut weh. Angesichts dieser Dimensionen wollte ich die Quelle kennen lernen - dort mußte doch. so habe ich vermutet, noch viel mehr an wertvoller Information zu finden sein. Beispielsweise der Nutzen aus solchen Diversifikationsentscheidungen, der solche immensen Risiken rechtfertigen könnte.

Die verwendeten Aufwandsziffern lassen sich auf ein erstmals 1972 erschienenes Buch zurückverfolgen (Aurich & Schroeder. 1972. System der Wachstumsplanung im Unternehmen. München. 2. Auflage 1977 unter dem Titel Unternehmensplanung im Konjunkturverlauf) Nach einer Auflistung der zu erwartenden "Schwierigkeiten, Risiken und erforderlichen Anstrengungen des Unternehmens bei der Realisierung einer dieser Extensivierungsstrategien lassen sich die folgenden Relationen erwarten [...]" dann folgen die bekannten Angaben und der entscheidende Nachsatz:

"Diese - sicherlich sehr globalen - Schätzwerte [sic!] deuten vor allem darauf hin, daß Extensivierungsstrategien besonders sorgfältig ausgewählt und geplant werden müssen" (S. 243 in der 2. Auflage)

Zu meinem nicht geringen Erstaunen handelt es sich bei diesen seit ihrer Publikation so oft zitierten und wiederholten Zahlen um Schätzungen der Autoren die nicht empirisch untermauert sind. Keine Quelle, keine Studie, nicht einmal eine Umfrage. Nichts! Und erst recht keine Angaben zum möglichen Nutzen der einzelnen Strategietypen!

Die Angaben zur Erfolgswahrscheinlichkeit stammen aus einer Zeitschrift mit dem schönen Titel "Literatur-Berater Wirtschaft" und wurden 1979 in einer Literaturübersicht zum Thema Innovation im Unternehmen aufgeführt (Hinterhuber & Thom. 1979. Innovation im Unternehmen. In: Literatur-Berater Wirtschaft Heft 2 S. 13-19) Gleich unten in der ersten Spalte steht das Gesuchte in einer "Größenordnungsmäßige Verteilung der Erfolgswahrscheinlichkeiten von Produktinnovationen". Ein neues Produkt in einem neuen Markt, so wird angegeben, habe eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 5%. Nun kann man den Autoren, beide renommierte Hochschullehrer, sicher nicht unterstellen an quellensauberes Arbeiten nicht gewöhnt gewesen zu sein. Die völlige Abwesenheit einer Quellenangabe bedeutet also entweder daß es sich um Allgemeinwissen handelt (also mindestens 5 Fundstellen ohne Quellenangabe bereits vorgelegen haben) oder um einen originären Beitrag der Autoren. Auch hier keine Studie, keine Umfrage. Nichts!

Und immer noch keine Angaben zum möglichen Nutzen z.B. einer Diversifizierungsentscheidung!

Zwischenergebnis: Keine der Quellen beruft sich auf empirisch gesichertes Wissen. Die verbreitete Darstellung der Ansoff-Matrix ist also nicht nur einseitig auf Risiken fixiert und blendet den möglichen Nutzen aus. Die Auswirkungen dürften schwerwiegender gewesen sein, als im Falle des an viele Kinder zwangsweise verabreichten Spinats. Wie viele Unternehmen haben aus der Vorsicht heraus Abstand von Innovationen genommen? Welcher volkswirtschaftliche Schaden mag entstanden sein? Und der Schuster, der bei seinen Leisten blieb? Der wurde - wenn es ihn noch gibt - zwischenzeitlich vom Schlüssel-Absatz-Türschild-Kleineisenwaren-Tresen im Einkaufszentrum in eine kleine Marktnische abgedrängt.

Aber was soll man jetzt glauben?

1. Spinat enthält etwa genau so viel Eisen wie andere Gemüse auch. Über viele Jahre wurde die Werte für getrockneten Spinat dem frischen zugeschrieben und abgeschrieben und abgeschrieben und abgeschrieben und...

2. Von Ansoff selbst sind mir keine Aussagen zu Erfolg/Risiko/Kosten bekannt.

3. Die Floprate von Innovationen ist von der Innovationshöhe angeblich unabhängig zwischen 60 und 70% - Manager gingen nur "Auf Nummer sicher" (Berth. 2003. In HBM Juni auf der Basis von 432 Innovationsprojekten in 39 Branchen) und vermieden Durchbruchsinnovationen, Erneuerungsinnovationen oder gar den Aufbruch zu einer neuen Mission/Vision obwohl gerade das mit 19,9% im Durchschnitt die höchsten Renditen brächte. Das ist zumindest einmal ein Hinweis.

PS: Anders als mit der Anti-Innovations-Propaganda hat mich das mit dem Spinat nie gestört - ich mochte und mag ihn.

--EDIT--
15.2.2012 - Schreibfehler korrigiert

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